Esther Stehning, Geschäftsführerin von Atlatos, im Interview

 

Die Touristikbranche ist wie keine andere Branche von den Auswirkungen des Corona-Virus getroffen. Trifft dies auch auf Atlatos zu?

Selbstverständlich ist unser Unternehmen genauso betroffen von dem Corona-Virus wie die gesamte Reisebranche. Mit Schließung der Grenzen, der weltweiten Reisewarnung und dem Kontaktverbot sind unsere Buchungen um bis zu 95% eingebrochen. Mit den ersten Lockerungen innerhalb Deutschlands steigen die Buchungen wieder – aber selbstverständlich noch in kleinen Schritten. Bei weiterhin niedrigen Infektionszahlen und dem Aussetzen der 14 Tagen Quarantäne beim Einreisen für EU-Bürger in Deutschland werden die Buchungszahlen kontinuierlich wieder ansteigen. Immer mehr Kunden kündigen mittlerweile an, die Geschäftsreiseverbote aufzuheben und zumindest wieder notwendige Reisen zu erlauben.

 

Wie ist Ihre Einschätzung für die Zukunft der Reisebranche nach Corona?

Ich gehe davon aus, dass Geschäftsreisen schneller wieder gebucht werden als Urlaubsreisen. Zunächst erholt sich der innerdeutsche Markt, dann Europa und in weiter Ferne auch das internationale Geschäft. Es werden die Reiseziele wiederbelebt, bei denen nur ein geringes Infektionsrisiko für die Reisenden besteht. Neben der gesundheitlichen Bewertung muss die Ein- und Rückreise auch politisch gewollt sein. Es wird Länder geben, die Geschäftsreisende aus Deutschland längere Zeit nicht einreisen lassen oder aber wie aktuell gerade z.B. Spanien eine 2-wöchige Quarantäne bei Einreise auch für EU-Bürger anordnen, während andere gerade schon wieder lockern. Nach ersten Analysen zur Lage der Weltwirtschaft werden wir die nächsten zwei Jahre noch Auswirkungen von Corona spüren und das Reisevolumen von 2019 wird vorerst nicht mehr erreicht werden.

Das Corona-Virus hat auf der einen Seite gezeigt, wie leicht nicht zwingend erforderliche Geschäftsreisen, Meetings und interne Konferenzen durch Webinare ersetzt werden können – mit mehr Lebensqualität für die Mitarbeiter, weniger Reiseausgaben für das Unternehmen und einem Beitrag zum Schutz unseres Klimas. Somit für alle Beteiligten ein Gewinn. Auf der anderen Seite wird auch bewusst, wie wichtig und unersetzbar ein persönlicher Austausch zum Beispiel mit Kunden, Geschäftspartnern und Interessenten ist. Es werden daher keinesfalls alle Geschäftsreisen wegfallen. Es wird stattdessen verstärkt in den Fokus gestellt, welche Reisen wirklich benötigt werden und das wird sich auch in angepassten Reiserichtlinien der Unternehmen wiederfinden.

Für die Geschäftsreise-Anbieter bedeutet dies, sich auf diese Veränderungen einzulassen, die eigenen Angebote zu überarbeiten und zielgerichtet auch zu erweitern. Ob Notfall- oder Betreuungskonzepte für Reisende, neue Abrechnungsmodelle oder Produktergänzungen. Bei Atlatos wird z.B. gerade eine Premium-Version für den Reiseantrag entwickelt, die Bahnbuchung per App geht in Kürze live und das Modul Reisekostenabrechnung wird um Auslagenerstattungen – unabhängig von einer Geschäftsreise – erweitert. Das Corona-Virus hat auch gezeigt, dass ein professionelles Reisemanagement für Mitarbeiter und Unternehmen unerlässlich ist. Neben der reinen Reisevermittlung gewinnen Travel Risk Management Systeme und Serviceleistungen durch Firmendienste an Bedeutung und auch die Digitalisierung der Reiseorganisation wird weiter vorangetrieben.

 

Haben Sie einen Plan für die Zukunft? Wie motivieren Sie sich zu diesem Neuaufbau?

Nach einem ersten Schock war mir klar, dass es nicht einfach wird, ein Unternehmen bei so vielen unkalkulierbaren Risiken erfolgreich durch die Corona-Krise zu führen. Neben den unternehmerischen Herausforderungen durch Corona-Virus stand die Sorge um Familienmitglieder, Freunde und Mitarbeiter im Mittelpunkt. Doch den Kopf in den Sand stecken ist sicher keine Lösung. Alle Mitarbeiter haben direkt vom Homeoffice gearbeitet und für Atlatos wurde ein Krisenplan ausgearbeitet. Sehr dankbar bin ich für die Hilfestellungen unserer Regierung. Ob Kurzarbeitergeld oder Überbrückungsdarlehen – dies hilft bei einem so unabsehbaren und spontanen Umsatzrückgang von mehr als 80% sehr. Natürlich sind solch ungeplante Darlehen nicht die Freude eines Unternehmers. Doch in dieser Situation geht es um die Existenz, die unverschuldet in Gefahr geraten ist. Ich weiß, dass nicht alle Unternehmen in unseren Nachbarländern mit gleichwertigen Hilfen rechnen können.

Heute sehe ich uns sehr gut aufgestellt, die Zeit bis zur Normalisierung des Geschäftes gut zu überbrücken. Ich blicke sehr positiv nach Vorn. Wie motiviere ich mich? Es gibt immer wieder Rückschläge. Da braucht man heute nur den einen oder anderen Bericht zu lesen oder man blickt auf die aktuellen Umsatzzahlen – da kann der Optimismus leicht verfliegen. Ich tanke dann Kraft bei meiner Familie. Ein Lächeln meiner Tochter und die Sorgen rücken in den Hintergrund. Oder ich gehe im Wald spazieren. Wichtig ist auch der Zusammenhalt zwischen unseren Partnern und mit unseren Kunden. Die Solidarität in der Gesellschaft motiviert sehr sein Bestes zu geben. Genauso motiviert mich jeder Mitarbeiter, wo jeder Einzelne sich derzeit noch mehr engagiert. Ich möchte, dass alle Mitarbeiter die Chance haben auch noch nach 2022 bei Atlatos zu arbeiten. Und zuletzt: Ich bin ein Optimist und eine Kämpferin, die weiß, dass aufgeben nicht zählt.

 

Wird sich die Geschäftsreise durch das Corona-Virus selbst ändern?

Auf jeden Fall. In den nächsten Wochen und Monaten wird sich erstmal die Frage stellen, wohin kann ich guten Gewissens reisen. Das wird je nach Reiseziel und Abfragezeitraum sehr unterschiedlich beantwortet werden. Während der Reise spielen die Hygienemaßnahmen eine große Rolle – sowohl bei der Auswahl des Verkehrsmittels als auch bei der Unterkunft. Die Anbieter haben Ihre Hygienemaßnahmen wesentlich optimiert. Häufigere Desinfektion der öffentlichen Flächen, Plexiglasscheiben an Rezeptionen, Abstände in Warteschlangen und im Restaurant, Desinfektion, Mundschutzpflicht im Flugzeug und beim Personal – hier sind alle Touristikunternehmen gefragt, Ihre Prozesse zu optimieren. Wie werden die Hygienemaßnahmen im Land vor Ort gelebt und habe ich die Chance während meiner Reise den Mindestabstand einzuhalten. Gerade auf internationalen Reisen kann ein Gesundheitsnachweis, Schnelltests / Gesundheitschecks an Grenzen oder der spätere Impfnachweis zum künftigen Reisealltag gehören.

Ein neuer Gesundheitsknigge wird sich durchsetzen: Social Distancing und auch der Mundschutz werden zur Selbstverständlichkeit. Ein Fläschchen Desinfektionsmittel wird ein neuer Reisebegleiter sein. Leichte Erkältung auf der Geschäftsreise ein No-Go. Die Afterwork-Party nach der Veranstaltung wird erstmal durch ein Abendessen auf Abstand ersetzt – zumindest so lange, bis wir Corona hinter uns gebracht haben. In den nächsten Wochen wird die Geschäftsreise auch sehr viel mehr an Wert geschätzt werden. Besucht mich ein Geschäftspartner, weiß ich das umso mehr zu schätzen.

Bei den Reisefreigaben und Reiserichtlinien werden die Travel Manager sehr gefragt sein. Wann dürfen die Mitarbeiter wieder reisen? Sind Reiseanträge wieder erforderlich? Wie erfolgt die Kommunikation an die Reisenden? Wie sieht es aus mit der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers? Auch das Travel Risk Management gewinnt dabei an Bedeutung.

Ich freue mich auf meine erste Geschäftsreise innerhalb Deutschlands in den nächsten Tagen und denke, ich bin mit meinen eigenen Hygienemaßnahmen gut aufgestellt. Ja, ich bin auch dankbar, dass wir in Deutschland derzeit so gut aufgestellt sind, dass eine innerdeutsche Reise wieder möglich ist.